Von Görliwood nach Görlitz

Die Lage in Görlitz ist angespannt. Soldaten auf dem Rathausturm nehmen die Altstadt ins Visier, ein Mann stürzt anscheinend tödlich getroffen von einem Dachfirst auf das Kopfsteinpflaster. Nur wenige Meter entfernt hangelt sich Jackie Chan an einem Ballonseil eine Fassade hinauf, währenddessen Kate Winslet anmutig zum Demianiplatz schreitet. Derweil wartet Concierge Ralph Fiennes in schrillem Ambiente im Jugendstilkaufhaus vergeblich auf Nicole Kidman. Da bahnt sich auf dem Untermarkt eine Bücherverbrennung an, die Emily Watson nicht kalt lassen wird. So viel Aufregung bringen nur die internationalen Filmcrews nach Görlitz, wenn Blockbuster wie "Inglourious Basterds", "In 80 Tagen um die Welt", "Der Vorleser", "The Grand Budapest Hotel" oder "Die Bücherdiebin" in diesem Wunderwerk des Denkmalschutzes gedreht werden. Mittlerweile ist Görlitz mit seinen rd. 4.000 restaurierten Baudenkmälern fast schon zu schön für die "location scouts", die nach Kulissen für Kinostreifen fahnden, die in der Renaissance, Gründerzeit oder in den Kriegen spielen.

Ist somit alles nur grandiose Kulisse und schöner Schein in Görlitz? Oder erfüllt echtes Leben das aufwendig wiederhergestellte historische Zentrum? Ich bin zunächst ein wenig zwiegespalten.

 

Es ist still und ruhig in der Altstadt wie an einem Sonntag in vergangenen Zeiten. Das Auge stören keine Reklameflächen der allgegenwärtigen Filialisten, Verkaufsständer für touristische Mitbringsel versperren nicht den Weg. Die Ohren empfangen keine aufdringliche Musik aus den Restaurants. Lediglich ein Gitarrist unterhält die überschaubaren Besuchergruppen mit klassischen spanischen Klängen. Die Abwesenheit von Hektik und das Ausbleiben von Rummel wirkt auf uns Besucher. Wir bewegen uns langsamer und sprechen gar leiser als sonst in einer Stadt, da es nichts zu übertönen gilt. Also doch nur eine klinisch reine Version einer Museumsstadt, wie sie in dieser Perfektion und Sauberkeit vermutlich nie existiert hat?

Auf der anderen Seite verströmen die unter den Arkaden geschützten Restauranttische und gut frequentierten Freiplätze auf dem kopfsteingepflasterten Untermarkt ein fast schon mediterranes Flair. Liebevoll eingerichtete Hinterhöfe und versteckte Terrassen mit Neißeblick verführen zum Lokalwechsel an einem Sommerabend. Die Görlitzer Jugend zeigt sich abends mehr und mehr in der Altstadt; eine lokale Bluesband läßt openair die sanierte Bausubstanz vibrieren.

Das Licht in zahlreichen Wohnungen ist ein Hinweis, daß in Görlitz vermutlich viel mehr Menschen in dieser restaurierten Altstadt leben als in vielen vergleichbaren westdeutschen Innenstädten, die oftmals abends wie ausgestorben wirken und wo Vermieter auch schon einmal die Wohnflächen über den Geschäften aus "Bequemlichkeit" leer stehen lassen. Es wird also (wieder) gelebt in dieser alten Innenstadt, auch wenn es ein Konstrukt bleiben muß. Natürlich fehlen Händler, Handwerker und mehr vom alltäglichen Leben, aber zum Museumsdorf haben die Denkmalpfleger zum Glück die Altstadt auch nicht hingerichtet.

Die wiederhergestellte alte Stadt Görlitz ist mehr als eine Kulisse. Sie versetzt mich in der schönsten Form zurück in eine frühere Zeit, läßt mich die beruhigende Wirkung eines klassischen, homogenen Stadtbildes spüren und wird - wohl ganz ungewollt - zu einem Ort der Ruhe. Da wundert es mich nicht mehr, daß Jakob Böhme, Wegbereiter des deutschen Idealismus, 1575 - 1624 in Görlitz wirkte.

lohnt allein deshalb hier unterwegs zu sein

Bild: Görlitz, Altstadt, Tuchmacher, blau machen

Der Reichtum von Görlitz beruht auf der Tuchmacherei. Zwischen Mai und Juli blühte die rapsähnliche Waidpflanze, die schon die Ägypter zum Blau-Färben der langen Wickeltücher für ihre Mumien nutzten. Im 18. Jhdt wurde der Waid durch Indigo verdrängt.

Der Färbeprozess sah zwei Arbeitsschritte vor: Am Sonntag wurde das Leinen in der Färbemasse eingeweicht und am Montag für einen Tag aufgehangen - es wurde also "blau gemacht", die Tuchmacher warteten einfach zu. In der Tat läßt es sich in Görlitz am "Originalschauplatz" besonders gut "blau machen". Ein idealer Ort dafür ist der idyllische, kleine Garten vom Caffè Kränzel in der Neißestraße.

findet man unterwegs nur hier

  • "Auferstehung eines Denkmals" - Fotoausstellung von Jörg Schöner in den Kema-Hallen, Görlitz (bis 18.10.2015)
    Der Wiederaufbau dieser bis Ende der 80er Jahre in DDR-Zeiten nahezu vollständig verfallenen und weitgehend zur Sprengung vorgesehenen Altstadt ist für mich als Laien eine architektonische und denkmalpflegerische Sensation. Man braucht heute schon viel Phantasie, um sich das grau-braune Stadtbild von Görlitz in der Wendezeit noch vorstellen zu können. Hier hilft einem die Fotoausstellung von Jörg Schöner mit großformatigen Fotos in der nackten Produktionshalle der alten Keramik-Maschinenbaufabrik (Kema) auf die Sprünge. Jörg Schöner stellt seine Bilder vom Verfall (zumeist 1982 aufgenommen) den Fotos der denkmalgerecht sanierten Häusern wirkungsvoll gegenüber. Es ist für mich häufig kaum vorstellbar, wie aus der einsturzgefährdeten Fassade von einst der Renaissance-Blickfang von heute werden konnte.
  • Probewohnen in Görlitz
    Im Herbst 2015 können Umzugswillige wieder eine Woche in einer möblierten Altstadtwohnung mietfrei auf Probe wohnen. Damit will die Stadt Görlitz auf sich als attraktiven Wohnraum aufmerksam machen. Das "Probewohnen" wird wissenschaftlich begleitet, um die Erwartungshaltung potentieller Mieter besser verstehen zu lernen. Das "Probewohnen" 2015/2016 knüpft an die bundesweit erstmalige Aktion in den Jahren 2008 bis 2010 an.

  • Görlitzer Ortszeit bestimmt die Zeit in 42 Ländern
    Seit der Mediankonferenz 1884 verläuft der 15. Längengrad durch Görlitz. Damit bestimmt der Stand der Sonne über Görlitz die Zeit in Mitteleuropa (MEZ). Unsere GMT (Greenwich Mean Time) heißt also: Görlitz Mean Time. Wo habe ich nur diesen Gedenkstein übersehen?

privat Ins Weite unterwegs

Bild: Görlitz, Schlesisches Museum, Altstadt, Untermarkt, Renaissance, Blick vom Rathausturm

Im Schlesischen Museum zu Görlitz - die Geschichte Schlesiens wird mit modernster Präsentationstechnik geschildert - entdeckte ich zahlreiche Zeugnisse und Geschichten aus der Heimat meiner Familie, die einst unweit von Breslau / Wroclaw lebte. Viele Orte, Ereignisse oder Alltägliches sind mir aus den Erzählungen meiner Großmutter und meines Vaters geläufig.

Eine Wochenschau-Aufnahme Ende der fünfziger Jahre zeigt den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer auf einem Treffen der Vertriebenen. Er beschwört die Schlesier, ihren Bräuchen und ihrer Heimat treu zu bleiben; die Rückkehr ist nurmehr eine Frage der Zeit. Aus machtpolitischen Gründen wurde eine ganze Generation von Flüchtlingen instrumentalisiert und die falsche Hoffnung genährt, die Zeit einfach zurückdrehen zu können. Viele aus meiner (Groß-)Elterngeneration bezahlten dafür den Preis, nie emotional mit der Vergangenheit und dem Verlust der "alten Heimat" abschließen zu können. In der Folge gelang manchen erst spät oder gar nicht die Liebe zur oder zumindest die innere Annahme der "neuen Heimat".

das besondere Foto von unterwegs

Bild: Görlitz, Schlesisches Museum
Quelle: Schlesisches Museum

Viele Tausend vor Krieg und Verfolgung flüchtender Menschen erblickten von Osten kommend zunächst die Spitzen der bis auf die Kirchenfenster unversehrten Peterskirche. Danach erreichten sie zu ihrem großen Erstaunen eine vom Krieg nahezu unzerstörte Stadt. Ein Teil der Flüchtlinge zog weiter nach Westen, andere blieben und hofften auf eine baldige Rückkehr in ihre Heimat. Alle waren auf Hilfe und Unterstützung angewiesen.

Ähnlichkeiten mit aktuellen Geschehnissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt!

Empfehlungen für unterwegs

  • beste Erfahrungen mit k3 stadtführungen - die Filmführung war sehr anschaulich, mit Fotos von den Filmsets illustriert und engagiert geleitet.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Brooke Sinha (Mittwoch, 01 Februar 2017 12:32)


    Hi there, just became aware of your blog through Google, and found that it is truly informative. I'm gonna watch out for brussels. I'll appreciate if you continue this in future. Numerous people will be benefited from your writing. Cheers!

  • #2

    Belkis Dudek (Donnerstag, 02 Februar 2017 15:52)


    I'd like to thank you for the efforts you have put in writing this site. I am hoping to view the same high-grade blog posts from you in the future as well. In truth, your creative writing abilities has encouraged me to get my own blog now ;)